Eine Zeitkonserve: Die Konditorei Hollhorst.

Aus dem Buch “Zeitkonserven – Frankfurter Traditionsgeschäfte”.

“Drei Stückscher Radanekuchen, bitte schön!” Sorgfältig und vorsichtig wie eine Kostbarkeit packt der ältere Herr den Kuchen ein. “Schon als Kind hab ich den am liebsten gegessen, aber seit die Mutter tot ist, backt ihn keiner mehr, und mir ist nicht bekannt, dass es Radanekuchen außer beim Hollhorst noch woanders gibt. Jedenfalls nicht so gut.” Um seine Lust zu stillen, fährt der rüstige Mittsiebziger zweimal im Monat von Dreieich nach Frankfurt. “Dann hat der süße Zahn wieder seine Ruh”, sagt er. Der so gelobte Kadanekuchen heißt eigentlich Rodonkuchen. Dahinter verbirgt sich ein Napfkuchen aus gerührtem Hefeteig, mit Sultaninen und Korinthen gebacken und mit Puderzucker bestäubt. Nichts Aufregendes, aber ehrlich im Geschmack. Genau das scheint das Ausschlaggebende zu sein. “Wir haben viele solcher Kunden”, sagt Manfred Anderlohr. Noch. “Vielleicht machen wir in zehn, zwanzig Jahren Rodonkuchen nur noch auf Bestellung. Die Jugend von heute wächst damit nicht mehr auf, und die Gugelhupfesser sterben langsam aus.”

Der Konditormeister führt die Konditorei Hollhorst am Römerberg gemeinsam mit seiner Frau Bärbel und Sohn Daniel in der dritten Generation. Und obwohl das Geschäft seit über 50 Jahren in Familienbesitz ist, wirbt man noch immer mit dem Namen des Vorbesitzers. Bei ihm trat Manfred Anderlohrs Vater Georg 1949 eine Konditorenstelle an und übernahm schließlich 1954 den Laden. “Der Name ist in Frankfurt eingeführt, den Hollhorst kennt man hier seit Generationen”, so Manfred Anderlohr. “Warum sollten wir die Kundschaft verwirren?” Er selbst wird auch fast überall mit Herr Hollhorst angesprochen. Das stört ihn aber nicht. “Selbst manche Bekannte waren erstaunt, als sie erfuhren, dass das ja eigentlich nur ein Künstlername ist und wir mit bürgerlichem Namen Anderlohr heißen.” Ein Leben inkognito sozusagen.

Nicht nur der Name, auch das Angebot ist nahezu unverändert. Gerade das schätzt die Kundschaft: “Man ist doch froh, dass es in Frankfurt überhaupt noch ein Cafe gibt, in dem man sich nicht wie in einem Aquarium vorkommt und in dem nicht nur so neumodische Ferz angeboten werden, für die man eine Fremdsprachenausbildung braucht”, bestätigt eine Kundin. “Ich kann doch nicht damit werben, dass es hier wie in der guten alten Zeit schmeckt, und dann eine hypermoderne Einrichtung haben”, unterstreicht Manfred Anderlohr.

In der übersichtlichen Theke präsentieren sich saftige Nussstriezel, cremiger Bienenstich, gehaltvolle Bündner Nusstorte, herzhafte Linzer Torte, üppige Käsetorte, Obstkuchen aus Hefeteig und allerlei Sahnetorten, die auf Wunsch natürlich auch mit Schriftzug versehen werden. Auf Marzipan und in schönster Konditorenschreibschrift. Wie aus dem Lehrbuch.

“Das Sortiment bestimmt die Kundschaft”, sagt der Konditormeister. Deshalb gibt es in der Konditorei Hollhorst das ganze Jahr über Bethmännchen. Schließlich kommen nicht alle Besucher in der Weihnachtszeit nach Frankfurt. “Da wäre es schade, wenn die, die uns im Sommer aufsuchen, nicht in den Genuss dieser berühmten Spezialität kämen”, findet Manfred Anderlohr. So wie beispielsweise John F. Kennedy, der am 25. Juni 1963 die kleine Konditorei einfach links liegen ließ, um sich im Römer in das Goldene Buch der Stadt Frankfurt einzutragen.

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Foto: Buch Zeitkonserven

Ab und an gibt’s eine Neuerung im Sortiment. “Etwa die Kirsch-Grieß-Schnitten oder die Eierschecke, die wir nach einem Besuch in Dresden wieder aus dem Fundus ausgepackt haben. Aber insgesamt sind wir eher vorsichtig.” Den Grundstock bilden die Rezepte des Großvaters, des ersten Konditors in der Familie. Solange Manfred Anderlohr die Geschäfte führt, soll sich daran nichts ändern. “Wenn Daniel mal allein regiert, werden die Karten vielleicht neu gemischt, aber so lange bleibt’s, wie’s ist.” Doch der Sohn scheint diesbezüglich keine Ambitionen zu haben: “Warum sollte ich was ändern? Die Kunden kommen doch gerade deshalb zu uns.”

Der 31-Jährige schätzt, was die Familie hier aufgebaut hat. Trotzdem geht er nicht vor Respekt in die Knie, wie er sagt. Mit 13 oder 14 Jahren buk er seine erste Käsesahnetorte, und es war eigentlich klar, dass er ebenfalls die Konditorenlaufbahn beschreitet. Gelernt hat er bei seinem Vater, dem Lehrlingswart der hessischen Konditoren. Wanderjahre gab es nicht. “Woher sollen also Neuerungen kommen?”, fragt Manfred Anderlohr. Trotzdem scheint der Sohn nichts zu missen. Für seine Tochter Clara, die gerade ein Jahr alt geworden ist, hat der Juniorchef noch keine Pläne. “Das wäre wohl auch noch ein bisschen früh”, sagt Daniel Anderlohr. Obwohl: “Sie hat schon ihre eigenen Backförmchen und auch ihr eigenes kleines Nudelholz.” Früh übt sich, was eine Meisterin werden will. Oder soll.

Von Julia Söhngen.

Konditorei Hollhorst, Fahrtor 1, 60311 Frankfurt/Main.

Das Buch “Zeitkonserven” ist zu beziehen über den CoCon-Verlag.

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